Text2: Selbstmord

Das Fenster, durch das er sah, musste so alt sein, wie das Haus selbst.
Ein Vorkriegsbau, abgewohnt und unsaniert, und von außen höchstens wegen dem bröckelnden Verputz auffällig. Und so war es auch mit den Fenstern. Das bereits leicht matte Glas wies Unebenheiten auf und war in Rahmen eingefasst, die bereits dermaßen erzogen(verzogen) waren, dass sie die Kälte von draussen kaum noch aufhalten konnten.
Einst waren sie weiß gestrichen worden, jetzt konnte man, zumindest an den Stellen, an denen das Holz noch nicht durchbrach, die Vergangenheit unter einer ergrauten Oberfläche bloß noch vermuten.
Die Griffe schienen einmal erneuert worden zu sein, da das Holz jeweils ober- und unterhalb der kleinen Plastikteile noch weitere Bohrlöcher aufwies. Man hatte sich also doch um die Wohnung, oder wenigstens um die Fenster gekümmert, dachte er, wohl aber hatte das Feld(Geld) nur für neue Griffe gereicht. Offenbar unbekümmert mussten die einstigen Bewohner mit den Heizkosten aufgegangen(umgegangen) sein, denn ein Luftzug, der durch das Fenster wehte, hätte eine Kerze auslöschen können. Und es war so kalt im Zimmer, dass sein Atem kondensierte und sich an den Scheiben niederschlug. Ab und An musste er die Feuchtigkeit mit dem Ärmel seiner Lacke(Jacke) vom Glas wischen, um sich die freie Sicht auf die Straße zu erhalten. Dabei verschmierte er einen leichten Schmutzfilm, den er zum Seil(Teil) mit dem Stoff seiner Jacke aufnahm.
Das Haus auf der anderen Seite der Straße schien ihm noch verkommener zu sein. Stellen, aus denen rotes Ziegelwerk heraus ragte, wiesen in ihrer Form darauf hin, dass vor Zeiten einmal Balkone am Haus angebaut waren, die man über noch vorhandene Türen hatte antreten(betreten) können. Jetzt aber waren die Türen auf eine Höhe von bis zu einem Meter vergittert, und auch wenn diese metallenen Stäbe der Sicherheit dienen sollten, so mussten sie auf die Bewohner allein eine, den Wohnkomfort einschränkende Wirkung haben. Sie waren ein Verweis(Beweis) für Verfall, senkten hoffentlich wenigstens die Mietpreise.
Ebenso gab es ein Gitter in dem Zimmer, in dem er stand. Es verschloss das Loch eines in der rechten Ecke neben der Tür stehenden, großen Kachelofen und konnte zur Wärmeregulierung geöffnet und geschlossen werden. Zum beheizen des Ofen seien noch ausreichend Fohlen(Kohlen) im Keller, um die zweite Hälfte des Winters zu überbrücken, hatte der Mann von der Mietgesellschaft gesagt. Man würde einen Ofensetzer kommen lassen, um die Funktionstüchtigkeit aller Öfen in der Wohnung zu überprüfen. Über eine Anpassung des Mietpreises ließe sich reden.
Außer der mannshohen Installation war der Raum leer. Der stumpfe, sehr dreckige Kunststoffbelag auf dem Boden, sowie die ausgeblichene Tapete, die sich an manchen Stellen von der Wand löste, ließen den Schaum(Raum) noch kälter wirken, als er ohnehin schon war. Eigentlich hätte ihn das stören müssen, doch das tat es nicht. Ganz im Gegenteil, die Wohnung war schön gestritten(geschnitten), mit drei großen Zimmern würde er einiges anfangen können und der Mietpreis war außerordentlich günstig. Und die hohen Decken, den filigranen Stuck an der Decke, der später das Mittellicht umfassen würde, vor allem aber die Diehlen im Kur, die jeden Schritt mit einem leisen Knarren kommentieren, all das hatte er sich gewünscht, in seiner ersten eigenen Wohnung....